THEMATIK Berichte über so genannte Nah-Todeserfahrungen sind heute in aller Munde und zahlreiche Menschen sind davon überzeugt, den Tod überlebt zu haben. Tatsächlich basiert eine solche Interpretation jedoch auf einer falschen Grenzziehung zwischen Leben und Sterben, Sterben und Tod, die sich nicht nur im Alltag, sondern auch in solchen Konstrukten wie dem Begriff des "Hirntodes" ausgebreitet hat. Denn der Tod, vor dem man sich heute so fürchtet, ist nicht mehr der grässliche Schnitter, der einen hohnlachend um die Ecke bringt. Und es ist auch nicht Lessings schläfriger Genius, der uns ins Jenseits hinüberwiegt. Der moderne Tod ist ein Wechselbalg, das sich selbst überholt hat: Er steht vor dem Ende des Sterbens mitten im Leben; er setzt Zeichen an Menschen, die nicht sterben, sondern ableben; er kulminiert schließlich in einem Todes-Fall, der als Vorab-Tod definiert werden kann. |  | TEXTAUSZUG "Sterben, so wie Goethe es betrachtet, gleicht dem randlosen Übergang von einer Farbe in die andere, ist ein Prozess der Auflösung der "Hülle", die alles Lebendige umgibt. Was nach außen gekehrt ist, 'gehört frühzeitig dem Tode an, der Verwesung'. Langsamer stirbt der 'innere Mensch' als der äußere und erst im Tod bildet sich eine geistige Erscheinungsform heraus, die den Sterblichen von der Beschränktheit in die Unendlichkeit zurückführt. Wie schnell oder wie langsam aber vollzieht sich dieses Sterben? Wo beginnt und wo endet es? Im Werther konfrontiert Goethe seine Leser mit einem lang anhaltenden Sterben, das schließlich vom abrupteren Selbstmord Lüge gestraft wird. In den Wahlverwandtschaften schiebt er den endgültigen Tod eines Menschen weiter hinaus; verlagert er Ottiliens Tod hinter die Grenze, die die Lebenden von den Gestorbenen trennt. Ottilies Leichnam ist nicht sofort dem völligen Tode verfallen; geich der belebten Natur, die sie umgab, konnte der Schnitter ihr nicht in einem einzigen Moment alle Lebenskräfte nehmen. Goethe zieht hier ein altes Motiv wieder hervor, das von den Romantikern grässlich verwässert wurde. Denn auch diese glaubten ja, dass der Tod nicht ans Ende des Lebens, sondern ans Ende des Sterbens, ins 'Jenseits' gehöre. Doch sahen sie diesen Tod 'vorab', schon in Krankheit und Traumerleben gegeben und mussten so das 'Hereinragen der Geisterwelt in die unsere' ertragen. Goethe schob diesen vorab gesehenen Tod wieder hinaus, negierte die Vorstellung eines andauernden Sterbens wie er den Wunder- und Gespensterglauben einer krank machenden Hilfsbereitschaft verwarf; und vielleicht drückt sich in seinem Fernbleiben vom Sterbebett der Freunde nichts anderes aus als die Absicht, den Toten nicht vorab zu sehen, sich an den Toten nicht zu 'verunreinigen', in dem Sinne, dass wohl das äußere Geschehen, nicht aber die geistige Erscheinung, die sie seiner Ansicht nach annahmen, zu beobachten ist. [...] Der Mensch, der Teil am Unendlichen nimmt, aber nicht Teil des Unendlichen ist, weil dieses keine 'Teile' hat, kann seinen Tod vorauswissen; im Voraus erfahren kann er ihn nicht. Sterben ist - sofern es noch dem Leben angehört-, die extreme Matrix jeglicher Grenzerfahrung; zugleich wohnt aber dem Begriff etwas inne, was ihn zur Grundlage des Erfahrungsbegriffes überhaupt macht: Denn diese Erfahrung ist einzig, kann auf nichts Bekanntes zurückgeführt, kann nicht zum Vorab-Wissen werden. Und wer das verstanden hat, der weiß, dass es sich im Grunde mit jeder Erfahrung so verhält." (S.247f) |